Werner Deutsch„Macht hinter der Technik das Menschliche sichtbar!“ „Technik darf kein Selbstzweck sein“, findet Prof. Werner Deutsch, der an der TU Braunschweig unter anderem zu Sprach- und Identitätsentwicklung forscht. Seine These: Verständnis und Begeisterung für Technik entstehen erst, wenn Gefühle ins Spiel kommen. Wo liegt die Schnittstelle zwischen Technik und Ihrem Fachbereich, der Entwicklungspsychologie? Wir entdecken viele solcher Schnittstellen. Beispielsweise haben wir untersucht: Wie viel Technik findet sich in deutschen Kinderzimmern? Ergebnis: Die Kinderzimmer sind voll davon. Da stellt sich die Frage, ob es vorteilhaft ist, Kinder schon früh in ihrer Entwicklung mit möglicherweise viel Technik zu konfrontieren. Wie kann ein Kind mehr über Technik lernen: Wenn immer neues Spielzeug angeschafft wird und das Kinderzimmer nachher aussieht wie ein Technikpark? Oder wenn Spielzeuge kaputt gehen und repariert werden müssen? Es ist wichtig, darauf zu achten, wie Kinder am besten den Umgang mit Technik erlernen. Also selbst basteln, selbst machen, ausprobieren, auseinandernehmen… …selbst basteln, aber auch reparieren, zusammen mit Eltern oder älteren Geschwistern. Das Verständnis für Technik entsteht nur, so denke ich, wenn man sich auch der Situation stellen muss, dass etwas nicht funktioniert. Das ist eine wunderbare Gelegenheit zum Lernen. Auch im Kinderzimmer. Wünschen Sie sich, dass Erwachsene ebenso offen für Neues sind wie Kinder?
Sie haben sich viel mit Sprachentwicklung befasst. Naturwissenschaftler und Techniker reden anders, als wir es aus der Alltagssprache gewohnt sind. Ein Kommunikationsproblem? Jeder Beruf hat seine Fachsprache. Ein Priester beschreibt den Stern von Bethlehem anders als ein Astrophysiker. Techniker und Ingenieure betrachten Sprache als Mittel zur Übertragung von Informationen. Nach dem Prinzip: Sage so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Dieser Stil ergibt sich aus einer Sachorientierung, die Emotionen ausklammert. Er lässt weitgehend unberücksichtigt, mit wem man spricht. Alltagssprache funktioniert anders. Ihre Stärke liegt nicht in der Konzentration auf das Sachliche, sondern in der Flexibilität, sich unterschiedlichen Gesprächspartnern anzupassen. Für sie ist die Begegnung zwischen den Menschen entscheidend. Trägt dieses Kommunikationsproblem zu Desinteresse an Technik bei? Dazu fällt mir das Beispiel eines Kollegen ein, der eine Professur für Brückenbau innehatte. Sein Stil war es, ein technisches Thema mit Emotionen zu verknüpfen. So hat er ein statisches Problem anhand einer aufregenden Geschichte über den Einsturz einer Brücke erläutert. Die Spannung, die Gefühle, die sich mit dieser Katastrophengeschichte verbinden, helfen den Studenten, sich für das dahinterstehende technische Problem zu begeistern. Ich möchte noch einen ganz anderen Aspekt erwähnen. Die Maschinen oder Bauwerke der Techniker müssen natürlich einwandfrei funktionieren – deswegen haben Techniker die Neigung zu glauben, auch sie selbst als Personen dürften nie Fehler machen. Aber das ist kein gutes Prinzip. Techniker sollten nicht immer versuchen, den Eindruck zu erwecken, sie seien perfekt. Ich denke, so würden sie auf größeres Verständnis stoßen bei der Gruppe der Nichttechniker. Ein dritter Aspekt noch: Ich rate unseren Studenten immer, die Dinge in der Alltagssprache zu beschreiben. Das ist auch mein Ratschlag an die Techniker. Lässt sich Begeisterung für Technik nachhaltig vermitteln? Den IdeenPark 2006 in Hannover zum Beispiel habe ich als eine Veranstaltung erlebt, die die Beziehungen der Technik zu Wissenschaft, Gesellschaft und sogar zu einzelnen Menschen deutlich aufgezeigt hat. Genau das erscheint mir ganz wichtig: Technik darf kein Selbstzweck sein. Begeisterung für Technik lässt sich nur erreichen, wenn das Menschliche sichtbar wird – also: Was sagt die Technikentwicklung über die Intelligenz und Kreativität des Menschen aus? Wie ist jemand auf die Idee gekommen, ein bestimmtes technisches Gerät zu entwickeln? Wer steckt als Erfinder hinter der Erfindung? Wer danach fragt, der zeigt, dass Technik nicht vom Himmel fällt, sondern durch Menschen entsteht, die kreativ gewesen sind. |


