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Wolfgang M. Heckl

“Kindern wird die Kreativität systematisch abgewöhnt.“

Er ist ein international angesehener Forscher und zählt zu den populärsten Wissenschaftskommunikatoren in Deutschland: Prof. Dr. Wolfgang M. Heckl. Seine Forschungsschwerpunkte machen auch Kinder neugierig: Da geht es etwa um das „Nanoschnitzel“, Lebensentstehung durch Selbstorganisation, Nanobionik, Leben auf fremden Planeten und „das kleinste Loch der Welt“. Sein Motto: Mache es relevant, mache die Leute betroffen! „Ein Vortrag ist gut, wenn die Zuhörer etwas davon haben und nicht, wenn man selbst gut dasteht“, erläutert er im Interview. „Dafür muss man natürlich zuweilen vereinfachen und so erzählen, dass es gerade noch nicht falsch ist. Auch wenn manche Kollegen dann murren.“

Herr Heckl, weshalb ist es Ihnen ein so großes Anliegen, junge Menschen für Technik zu begeistern?

So weit ich zurückdenken kann, waren in meiner Biografie das Voranbringen der Wissenschaft und das Bedürfnis, sie möglichst vielen Menschen mitzuteilen, untrennbar miteinander verbunden. Der Hauptgrund dafür ist wohl, dass ich die Wissenschaft und die Menschen liebe. Einstein hat einmal gesagt, wenn ein Physiker nicht fähig sei, seine Theorien der eigenen Großmutter zu erklären, dann habe er sie vermutlich selbst nicht verstanden. Diesen Satz kann und sollte man von der Großmutter auch auf Kinder und Jugendliche ausweiten.

Kinder sind von Haus aus neugierig, forschen und experimentieren gerne. Warum ergreifen heute dennoch immer weniger junge Menschen in Deutschland technische Berufe?

Wolfgang M. Heckl - Experimentalphysiker
und Generaldirektor des Deutschen
Museums München
Es ist ja sogar so, dass sich jeder Wissenschaftler lebenslang verrückte Fragen stellt, also in gewisser Weise Kind bleiben muss. Sonst kommt er auf viele Ideen erst gar nicht. Welcher echte Erwachsene zum Beispiel fragte außer Einstein ernsthaft nach der Krümmung von Zeit und Raum? Aber wir wissen auch, dass Kindern im Rahmen ihrer Sozialisierung die Kreativität fast systematisch abgewöhnt wird. Die mangelhafte Ausbildung deutscher Kindergärtnerinnen ist bekannt und nur die wenigsten Lehrer schätzen kreative Antworten. Da fährt man als Schüler gerade in den Naturwissenschaften meist besser, wenn man sagt und schreibt, was im Lehrbuch steht. Am besten wortwörtlich. Natürlich gibt es auch engagierte Lehrer, aber es werden noch viel zu wenig Anstrengungen unternommen, deren Leistung auch zu belohnen. Ich habe zum Beispiel große Hochachtung vor jedem, der Mathe versteht. Mathe ist wirklich schwer. Aber wenn heute Siebzigjährige als Mathematiklehrer reanimiert werden, weil die Hochschulen offensichtlich nicht genügend ausgebildete Pädagogen ausspucken, dann ist das auch die Schuld der Politik, die sich für wissenschaftliche und technische Themen nicht in ausreichendem Maße interessiert. Es ist ja kein Zufall, dass beispielsweise die Technik für den MP3-Player zwar in Deutschland entwickelt wurde, aber andere damit Geschäfte machen. Da fehlen in unserem Land der politische Wille und die engagierten Unternehmer mit Mut für langfristige Investitionen.

Wie kann man in jungen Menschen den Funken der Begeisterung neu entfachen beziehungsweise wach halten?

Indem man selbst begeistert ist. Ich zum Beispiel interessiere mich einfach für alles Neue. Zu mir kann einer mit einem Schmetterling kommen und ich setze mich mit diesem Tier viele Stunden lang fasziniert auseinander, da kann ich etwas über molekulare Selbstorganisation, über nanobionische Beschichtungen oder einfach über die Schönheit der Natur lernen. Viele Leute würden gleich fragen: „Und was bringt mir das jetzt?“ Alexander von Humboldt hat einmal gesagt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“ Ich halte es mit denen, die die Welt gerne anschauen, und zwar möglichst in ihrer Gesamtheit. Auch wenn die jüngere Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaften zum großen Teil eine Geschichte des Spezialistentums war und eine Gesamtschau des Kosmos à la Humboldt in unserer Zeit nur noch vereinzelt möglich ist. Aber wir brauchen das wieder, sonst finden wir uns in dieser komplizierten Welt nicht mehr zurecht.

Sie sind Hochschullehrer, Museumsdirektor und als Wissenschaftskommunikator manchmal auch ein Entertainer der Massen. Was die Wissensvermittlung angeht, haben Sie also mit allen Altersgruppen Erfahrung. Welches sind die spezifischen Probleme dieser Gruppen?

Die Probleme beginnen mit der Pubertät, da fehlen die Vorbilder und daher die Motivation. Und weil die MTV-Gesellschaft jede Minute ein neues Universum explodieren lässt, fällt es Vielen zunehmend schwer, bei der Sache zu bleiben. Statt eine Stunde lang einen Motor zu reparieren, wünscht man sich von den Eltern lieber gleich ein neues Moped, oder – noch viel schlimmer – man fährt Moped nur noch im Second Life. Die Idee, dass Lernen auch Mühe macht und man sich den Dingen hingeben muss, um sie zu verstehen, geht heute mehr und mehr verloren. Dass das von der Gesellschaft weitgehend akzeptiert wird, halte ich für einen Skandal.

Und wie bekommt man die Jugendlichen dann trotzdem zu packen?

Durch Vorbilder. Wenn wir zum Beispiel seit 20 Jahren den „Jugend forscht“-Landeswettbewerb beherbergen, dann brummt unser Museum drei Tage lang, und die Jugendlichen, die nur zum Schauen kommen, sind beeindruckt von dem, was ihre Altersgenossen auf die Beine stellen. Ein schönes Beispiel ist auch unser Projekt „Schüler führen Schüler“, meines Wissens das erste seiner Art in einem Science-Center-Museum. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob der erwachsene Heckl etwas weiß – davon geht man aus – oder der Klassenkamerad. Da staunt man und fühlt sich vielleicht auch selbst herausgefordert. Außerdem hört man unter Gleichaltrigen anders zu. Zusammen mit der TU München haben wir in unserem Museum ein TUMLAB eingerichtet. Dort gibt es Computerarbeitsplätze, an denen nicht gesurft und gechattet, sondern beispielsweise eine Eisenbahn programmiert wird, also berufsqualifizierende Voraussetzungen in der Robotik und Mechatronik gelegt werden. Der Einsatz moderner Medien ist wichtig, aber auch Nachhaltigkeit: Wenn eine Universität einen Tag der offenen Tür macht, ist das zwar schön, kann aber nur Interesse bei Jugendlichen wach rütteln, das man dann anders weiterbedienen muss. Bei uns im Deutschen Museum sind die Türen jeden Tag offen, im Schnitt gehen täglich 5.000 Leute ein und aus, mindestens 50 % von ihnen sind unter 30 Jahre alt. Da bleibt bei manchem etwas hängen. Viele unserer Projekte sind allerdings sehr zeit-, personal- und finanzintensiv, so dass das Angebot bei Weitem nicht die Nachfrage deckt. Wir sitzen leider am ausgehungerten Ast. Von einer Stifter- und Förderkultur wie in Amerika können wir nur träumen.

Welche Basisqualifikationen muss ein junger Mensch besitzen, der einmal Wissenschaftler werden will?

Neugier! Ja, Neugier und Autoritätsungläubigkeit, denn die Autorität ist der Tod jeder Erkenntnis. Die einzigen Autoritäten, die man anerkennen sollte, sind das größere Wissen und das bessere Argument. Ansonsten kann und sollte jeder meiner Studenten zu mir sagen dürfen: „Das ist jetzt aber Quatsch, was du da erzählst.“ Nur so kann auch ich ständig weiterlernen und bleibe auf der Höhe der Zeit.

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