Ines Nolte“Die Technik kann eine gemeinsame Sprache sein.“ Marxloh ist ein Stadtteil von Duisburg. Kein Graben läuft außen herum, kein Zaun – und trotzdem brauchen viele Kinder aus dem Viertel Brücken für ihren Weg hinaus in die Welt. In der Regenbogenschule bauen sie solche Brücken selbst.
material genug also für die Viertklässler der Regenbogenschule, die das Thema Brücken im Technikunterricht bearbeiten. Doch bei der Exkursion in die Innenstadt musste Klassenlehrerin Ines Nolte feststellen: „Viele der Kinder waren zum ersten Mal hier – sie sind nie aus ihrer Nachbarschaft herausgekommen.“ Im strukturschwachen Marxloh sind die Häuser alt. Auf der einzigen Baustelle weit und breit entsteht Deutschlands größte Moschee. Nur zwei der 20 Kinder in Frau Noltes Klasse sind Deutsche, die übrigen kommen mehrheitlich aus türkischen Familien. Im Büro des Leiters der Regenbogenschule, Mathias Eckardt, stapeln sich Lehrhefte: „Deutsch als Fremdsprache“. SELBST GEBAUT„Die meisten Kinder haben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache“, berichtet Ines Nolte. „Aber Türkisch beherrschen sie oft auch nicht richtig.“ Umso toller ist es, wenn alle eine gemeinsame Sprache entdecken: die der Technik. „Worte wie U-Profil benutzen sie inzwischen ganz selbstverständlich“, staunt Ines Nolte. Von Brücken sind Ugur, Yassin, Kübra und die anderen Regenbogenkinder inzwischen fasziniert. Der 11-jährige Erzen kommt eines Morgens sogar mit einem hölzernen Brückenmodell in die Schule; das hat er daheim mit seinem Papa gebaut. Solche Erfolgsgeschichten wird Kornelia Möller gern hören. An der Universität Münster hat sie das Konzept der „Klassenkisten“ für den Technikunterricht in Grundschulen entwickelt. Ihr Mitarbeiter Klaus Lemmen hat das Kollegium der Regenbogenschule für die Erprobung der von ihm konzipierten „Klassenkiste Brückenbau“ geschult. Im Hintergrund wirken viele an diesem Projekt mit: ThyssenKrupp, die NRW-Stiftung „Partner für Schule“ und die Initiative „Wissensfabrik Deutschland“. AB 2008 IN SERIEDie Klassenkiste ist in Wirklichkeit ein Set von Plastikcontainern, prallvoll mit Unterrichtsmaterial. „Grundschullehrkräfte brauchen Unterstützung, weil sie für naturwissenschaftliche und technische Themen zumeist kaum ausgebildet sind. Außerdem stehen an den Grundschulen selten geeignete Unterrichtsmaterialien zur Verfügung“, erläutert Kornelia Möller. Jedes Kisten-Set widmet sich einem speziellen Technikthema – beispielsweise „Luft“ oder „Schall“. Die Kiste „Brückenbau“ wird nach den Erfahrungsberichten aus Marxloh weiterentwickelt und soll ab 2008, mit Unterstützung von ThyssenKrupp, in Serie produziert werden. Unter anderem steckt ein „Skript“ in der Kiste, eine Art Drehbuch für den Unterricht. „Mir hilft das sehr“, gesteht Ines Nolte freimütig ein. Schließlich ist eine Grundschullehrerin keine Brückenbau- Fachfrau. Oder kann man von ihr erwarten, dass sie auf Anhieb weiß, was eine Leonardo-Brücke ist? Leonardo da Vinci hat 1483 eine Brücke erfunden, die sich aus Latten ohne Nägel und Schrauben zusammenstecken lässt. Das können die Regenbogenschüler jetzt auch. Sie wissen, wie die Römer Kragbogenbrücken gebaut haben, sie können stabile Papierbrücken zwischen den Schultischen errichten und sie haben mit der Klebepistole die Elemente einer Fachwerkbrücke montiert. Und es bleibt nicht bei der Technik – das Projekt ist fächerübergreifend. Beispielsweise in Kunst und Deutsch nehmen die Kinder das Brückenthema auf. Sie haben ein Brückengemälde von Monet kopiert – die Bilder schmücken jetzt das Schulfoyer. Auch die Frage, warum es Menschen gibt, die unter Brücken schlafen müssen, ist Teil des Unterrichts. Sogar Lieder über Brücken haben die Kinder gelernt. Es ist doch schön, wenn man Brücken hat. |


